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Erläbts und Uffgschnappts

 

„Sey-Chopf“ Ich war bei einem Dorforiginal. Er erzählte mir Anekdoten von „Schiire-Birzler, Gunti und Heywoogschangi“. Plötzlich ging in der gegenüberliegenden Liegenschaft das Fenster auf. Die Nachbarin streckte den Kopf heraus, um zu ergattern, was los war. „Du, die hay gmetzget hitte!“ brummte der Alte. Ich wusste, dass er sein Heu nicht auf der Bühne der Nachbarin hatte. Nach einer Weile fragte er mich, ob ich wisse, warum er diesen Schluss ziehe. Ich verneinte. „He, will si dr Seychopf uuse hängt!“ war die derbe Antwort.

„Gniggt het’r“ Die Grussformeln waren – zu meiner Jugendzeit – knapp und trocken. „Daag!“ am Morgen „n-Obe!“ nach dem Mittagessen und „Nacht!“ am Abend. Als ich mich – als Bub – bei meiner Mutter über einen als wortkarg bekannten Mann beklagte, der mir den Gruss nicht abgenommen hatte, entgegnete sie, mich beruhigend: „Aber gniggt het’r. Und das längt ämmel.“

„D’Moore“ Ich war noch Bub, als man mir – auf der Gasse – des langen und des breiten klar machte, dass „d’Moore“ oder „d’Niineninzger“, also die Therwiler, unsere „bösen“ südlichen Nachbarn seien. Man suchte, in mir ein Feindbild aufzubauen. Selbstsicher, ja überheblich und durchtrieben seien sie. „Mä setti alles, wo vo Thärwill chunnt, chenne azinde, dr Bach au!“ erklärte mir ein eingefleischter Hiesiger. Leidtragende waren – im tiefsten Grunde – jahrzehntelang die Weidbuben und die Badenden beim „Entewuehr“, die sich mit den „verfemten“Nachbarn herumschlagen mussten, um des Dorfes Ehre zu retten.

„D’Fuscht im Sack“ Auf die Frage, warum denn diese Aversion gegen Therwil bestehe, antwortete mir ein Oberwiler „Weiser“: „Lueg, d’Thärwiller hay guets, wiits, ebes Land. D Betrieb si grösser als eyseri. Si buure au anderscht. Drzue ane si si couragiert, draue sich eppis zue und si dorum uffgschlossener. Mir Oberwiller hay Hemmige, si brav und zahm, bliibe still und ziehn-is gli ämoll ins Schnäggehuus zrugg. Mir mache d’Fuscht im Sack und gänn nooch.“

„Am Model a“ Die bekanntesten Oberwiler Sippen hatten – nach der Ansicht vieler – eigene, speziell ausgeprägte Körper- und Charaktermerkmale. Man glaubte, sie an ihren Gesichtszügen, an der Kopfform – am „Model“ – und an bestimmten Charaktermerkmalen klar erkennen zu können. So hatte jeder Sippenangehörige für den Eingeweihten – mehr oder wenig – genau erkennbare innere und äussere Strukturen. „Lueg-n rächt a! Am Model a isch’s eine vos...(es folgte der Dorfname). Au dr Charakter von-ene het’r ipackt.“ Vor allem auffallend Negatives hielt man über Generationen hin fest.

„Äne am Jordan“ Einige nannten zu meiner Bubenzeit das „Brauereiquartier“ „s’wild Viertel“. „Die änä am Jordan (Birsig) si anderi Lyt.“ Es waren, nach Meinung verschiedener Gewährsleute, keine Ur-Dörfler. Ich empfand als Bub die „Brauerei“ als anders geartet. Für mich war es der Dorfteil, der eigenwillige, zum Teil fremd anmutende, aber äusserst interessante Menschen beherbergte. Andere Gewährsleute nahmen diesen Gegensatz nicht wahr.

„...“ Das Fluchen soll einst zum täglichen Brot gehört haben. Sogar das kräftigste Fluchwort soll man viel gehört haben. „Mä überleit sich jo nit, was mä sayt. – S’gheit eim uuse. Dr. Herrgott isch mr sicher gnädig,“ war oft die bereit gehaltene Entschuldigung. Krampfhaft versuchte man durch andere, ähnlich klingende Ausdrücke das grauenhafte Lästerwort abzuschwächen. Man erfand: „Chruttvr-deggel, nunde-deggel, nunde-die, mill-de-die, gopfer-deggel, vr-dagg, nunde-dagg,... vr-glemmi, vr-dammi, daami, vrduschmi, gopferdammel-hammer“. Der Hang zum Fluchen liege im Sundgau-Raum in der Luft, behauptete ein Gewährsmann.

„D’Stroof“ Von Kindsbeinen an eignete ich mir ganz bestimmte religiöse Verhaltensformen an. Bei einem Blitzschlag bekreuzigte ich mich. Ebenso, wenn ich an der Kirche oder an einem Flurkreuz vorbeiging. Ein Laib Brot wurde niemals angestochen. Man schnitt ihn an und machte vorher das Kreuzzeichen darauf. „In Gotts-Namme also!“ murmelte ich laut vor mich hin, wenn ich eine schwierige, vor allem aber eine gefährliche Arbeit anfing. Wenn beim Anzug eines Gewitters oder bei Hagelschlag die Wetterglocke zu läuten begann, wurde in unserer Familie gebetet. In gewissen Familien verbrannte man bei Unwettern die am Palmsonntag geweihten Palmzweige oder gesegnete Kohlenstücke vom Osterfeuer im Küchenherd. Wenn ich eine Sternschnuppe am nächtlichen Himmel erblickte, glaubte ich, dass nun eine arme Seele vom Fegfeuer in die himmlischen Gefilde gelangt sei. Wenn wir das Wort „Krebs“ aussprachen, mussten wir immer sofort „Gott-bhüet-is dr-vor“ anfügen. „Merci“, als Dankausspruch, war bei uns verpönt. „Vrgällt’s Gott!“ war die edelste Dankformel. Ältere Leute gaben des öftern „Sägn-es Gott!“ zur Antwort.

Nach aussenhin verbarg man sorgfältigst alle Familienkrankheiten und alles Negative, das in der Familie vorfiel. Man schämte sich darob. Die übliche Formel lautete: „Saget nüt dusse. S’goht anderi nüt a. Gönnet-ne d’Freud nit!“ Ich wuchs im Glauben auf, Krankheit sei eine Strafe Gottes. Schicksalsschläge und Leiden wurden selten als Mysterien aufgefasst. Irgendwie suchte man die Erklärung in einer Schuld. Bei einem Bauern zog, in meiner Bubenzeit, „Ungfell“ ein. Der Hofhund lag verendet in der Hundshütte, eine Kuh „vr-bööste“ – hatte eine Totgeburt – und ein Zugpferd verendete „am-ene Chrüzschlag“. Auf meine bange Frage, warum denn so viel Leid in solch kurzer Zeitspanne, gab man mir zu verstehen, dass der Knecht „alli Zeiche vom Himmel abe“ fluche und dadurch die Strafe unseres ernsthaften und gerechten Gottes herabgerufen habe.

„Güüder (Vergeuder) und Zeddler (Breitmacher)“ In den fünfziger Jahren wird Bauland verkauft. Mancher kommt zum ersten Mal in seinem Leben mit viel flüssigem Geld in Berührung. Bis anhin hatte man geknausert und dadurch auch gehortet. Nun spürte man Luft und Freiraum. Manchem rann der erlöste Gewinn durch die Finger ... auf und davon. „Jede Spaarer het ä Güüder. Wo-n-e Huffe isch, stoht scho eine de-hinter, wo-n-en denn mit ere Vierzingger-Gable vr-zeddlet“. S’isch kei Weyer so gross, ass-d-n nit chensch uss-suffe, wenn nüt me dri lauft.“ Das waren Kommentare der Alten, Weisen.

„Dr Juud“ Jüdische Vieh- und Stoffhändler kamen ins Dorf. „Äne am Jordan“, im Brauereiquartier wohnte ein Jude, der bei Bauern „koschere“ Milch kaufte und sie mit dem Verloanhänger ins Synagogenquartier nach Basel brachte und dort feilbot. Die Juden – in meinem Umfeld – wurden geachtet und gerne aufgenommen. Die Bezeichnungen „Halsabschniider und Zinswucherer“ hörte ich nie. Nun aber doch Unverständliches. Am Karfreitag zogen wir Buben durch durchbohrte Bucheklötzchen einen Wellendraht und formten nachher ein sattes Bündel mit einer Handschlaufe. Dieses warfen wir am Karsamstagmorgen ins Osterfeuer. Die gesegneten, angesengten Holzstücke zogen wir aus dem Feuer und löschten sie im Dorfbrunnen. Man nannte dies „dr Juud vr-brenne“. Für mich war der Brauch merkwürdig.

Eine Gewährsperson übermittelte mir folgendes: „Wenn zwei Personen im selben Augenblick dasselbe Wort aussprachen, so fügte man folgenden Satz an: „Scho widdr e Juud in Himmel glüpft.“

Ein weiterer Gewährsmann erzählte mir, ganz früher sei es einmal im Dorf vorgekommen, dass ein nichtsahnender Bub auf Geheiss eines „Untoleranten“ dem jüdischen Viehändler ein Schweineschwänzchen von hinten in dessen Viehhändlerbluse gesteckt habe. Schweinefleisch gilt bei den Juden als nicht rein, nicht „koscher“.

Einmal erschrak ich vor mir selber. Ich sass am Tisch und nahm mit meinen Kindern „s’Zoobe“ ein. Meine Frau stellte mir gehackten Braten aus einer Büchse vor. Dazu genossen wir gutes, frisches Bauernbrot. „Hei, e Bolle Hibber (Brot) und e gstampfte Juud: dasch besser ass e Schnuure voll Bräme“, murmelte ich in einer derben Soldatensprache vor mich hin. „Vatti, was vr-zellsch du do: e gstampfte Juud?“ rief entsetzt und empört unser Ältester aus. Erst jetzt erkannte ich meinen grausamen Militärjargon aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Ich errötete und schämte mich vor meinen Kindern.

„Är goht um“ Jedes Dorf hat seine Dunkelgeschichte, eben diejenige, die man bei verschlossenen Türen und Fenstern hinter hohlen Händen weiterraunt. Wir erkennen darin Fabulierlust, Sensationshascherei, Wühlen im „Irrationalen“, aber auch Schadenfreude und Gefühle des Erfreutseins, dass man nicht ist wie die andern.
Es geschahen Morde. Verdächtigungen werden ausgesprochen. Niderträchtiges wird – ohne den Beweis anzutreten – von Mitmenschen erzählt. Verletzende, grobschlächtige, zum Teil obszöne Übernamen ersetzen die üblichen Dorfnamen.
Jedes Dorf hat auch einen oder mehrere, die „umgehen“.
Gewährsleute aus verschiedenen Dörfern erklärten mir, dies seien Seelen von Menschen, die eines gewaltsamen Todes gestorben seien und keine Ruhe fänden. Diese würden sich durch Schritte und Geräusche bemerkbar machen. Man sehe sie jedoch nie. Gewöhnlich liess man für sie heilige Messen lesen, damit sie die Grabesruhe fänden.

„Heiligi Zitt“ Spätherbst. Die Nächte werden länger. Es wird merklich kühler. Man sucht Geborgenheit und Wärme. Man trifft sich zu Hause, in der Wirtschaft. Man trinkt, erzählt, lädt sich auf, wird gelöster und fällt über vieles kritisch her. Mancher hat es schwer in den zwischenmenschlichen Beziehungen. „Immer wenn’s uff die heiligi Zitt zue goht, hett-r dr Teyfel iiberzwärch im Liib“. Das hange mit dem „Schangschieren“ (Wechseln) des Blutes zur Weihnachtszeit zusammen, war die Antwort eines Gewährsmannes auf meine Fragen.
Um diese Zeit gingen wir oft nach Neuwiller, ins elsässische Nachbardorf, um „Schicksalhaftes“ zu erfahren. In den Dorfwirtschaften trafen sich Ehemalige des Zweiten Weltkrieges und Teilnehmer des Algerienkrieges und versuchten, durch den Weingenuss innerlich freigemacht, ihre unbewältigte Vergangenheit loszuwerden. Das dornenvolle Schicksal unserer elsässischen Altersgenossen bewegte uns zutiefst.
Wir erfuhren vom Auszug in die „Landes“ anno 1939, von der Naziherrschaft, von den „Incorporés de force“, vom Zwangseinzug zur SS, von Partisanenerschiessungen und auch von den Folterungen im Algerienkrieg. Völlig aufgelöst und erschüttert traten wir jeweils den Heimweg an.

(Quelle: Heimatkunde Oberwil)

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